Inspiration Day der FH Ost: «Psychologische Sicherheit ist die Bedingung, nicht das Extra»

* Der Inspiration-Day OST der Ehemaligenorganisation alumniOST ging am 3. September auf dem Campus St.Gallen in die dritte Runde. * Neun Referierende, drei Slots, ein Programm, das man sich selber zusammenstellt. * Wir haben drei Vorträge für Sie mitgehört – hier lesen Sie den Rückblick.

Business Class Ost
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Veröffentlicht am

7.9.2026

 von 
Martin Oswald

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Inspiration Day der FH Ost
Voller Hörsaal an der FH Ost: Der Inspiration Day zog viel Publikum an. (Foto: Gian Kaufmann)

Wer sich anmeldet, wählt vorab seine drei Wunschreferate – von Olympiasieger Dario Cologna bis Darknet Gameshow. Projektverantwortliche Julia Jäckle brachte es in ihrer Begrüssung auf den Punkt: Menschen kennenlernen, Kontakte pflegen und einen Gedanken mitnehmen, den man vorher nicht hatte. Meine drei Wahlen: Führung, Kommunikation, Langlebigkeit.

Inspirational Leadership: Erst der Raum, dann die Vision

Simon Gutknecht ist Professor für Kommunikation und Interkulturelle Kompetenz an der OST. Er begann beim Wort «inspirare», das einhauchen heisst. Gemeint ist ein innerer Prozess, bei dem neue Gedanken entstehen, die berühren und den Impuls auslösen, etwas zu tun. Ausgelöst wird er von Neuheit, Überraschung und Bedeutsamkeit. Dazu kommt ein Faktor, den man leicht übersieht. Das Ziel muss erreichbar wirken. Liegt es zu weit weg, demotiviert es, so neu es auch sein mag. Steuern lässt sich der Prozess ohnehin nicht. Wer nur vermittelt, erzeugt keine Inspiration.

Theoretisch verortete Gutknecht das im Transformational Leadership von Bass und Avolio mit seinen vier I, also inspirierender Motivation, intellektueller Anregung, individueller Förderung und Vorbildfunktion. Kouzes und Posner betonen zusätzlich das «Encourage the Heart». Anerkennung soll laufend passieren und nicht einmal jährlich für erreichte Ziele. Am Schluss kam der Satz, den ich mitnehme. Man kann eine grossartige Vision haben und alles richtig machen, doch wenn die Leute Angst haben, Kritik anzubringen, nützt es nichts. Ohne psychologische Sicherheit läuft nichts. Wie stark die individuelle Förderung wirkt, zeigte eine eigene Untersuchung rund um eine Reorganisation. Mitarbeitende mit guter Beziehung zur Führungsperson blieben selbst dann engagiert, wenn die Reorganisation sie negativ traf. Sie waren stärker verbunden als Leute mit schlechter Beziehung, die gar keine Nachteile hatten.

Blinde Flecken: Wir beurteilen uns nach der Absicht, alle anderen nach der Wirkung

Kathrin Loppacher leitet die Academy der IHK St.Gallen-Appenzell und startete mit einer Szene, die jeder kennt. Geschäftsleitungssitzung, der Bereichsleiter überzieht um zehn Minuten. Eine Kollegin schaut zum zweiten Mal auf die Uhr, ein Kollege verschränkt die Arme. Alles, was wir daraus lesen, sind Interpretationen. Ein wichtiger Anruf oder Rückenschmerzen sehen von aussen aus wie Desinteresse. Verantwortlich dafür ist ein Rucksack, den wir alle tragen und der mit der Geburt beginnt. Hebt jemand die Augenbraue, läuft bei uns ein eigenes Drehbuch ab, auf das das Gegenüber keinen Einfluss hat. So wirken wir oft anders, als wir meinen. Wer konzentriert sein will, wirkt abwesend. Wer den Zeitplan hält, wirkt uninteressiert.

Dann die Zahlen. Auf das Verbale legen wir alle Energie, doch es macht nur rund sieben Prozent der gesamten Wirkung aus. Nonverbal sind es gut 55 Prozent, dazu kommt das Paraverbale mit Stimme, Tempo und Pausen. «Im besten Fall werden sie sich an wenigstens vier Sätze von mir erinnern», sagte Loppacher und brachte das Publikum damit zum Lachen. Mit Schulz von Thun weitergedacht hört ein Satz auf vier Ohren. «Nächsten Monat führen wir ein neues CRM-System ein» ist auf der Sachebene eine Information. Auf der Beziehungsebene heisst derselbe Satz, dass die Geschäftsleitung über unsere Arbeitsweise entscheidet, ohne uns einzubeziehen. Loppachers Rezept klingt banal und funktioniert trotzdem. Man baut die eigene Absicht in die Botschaft ein, auch wenn sie dadurch länger wird. Selbstverständlichkeiten muss man aussprechen, sonst füllt das Kopfkino die Lücke.

Longevity: Einsamkeit wird unterschätzt


Simone Eicher leitet das Kompetenzzentrum Technologische Innovationen und Alter am Institut für Altersforschung der OST und räumte zuerst die Begriffe auf. Hochaltrigkeit meint 80 plus und ist die am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe der Schweiz, die sich bis 2045 verdoppelt. «Longevity» dagegen ist vor allem ein Markt mit dem Versprechen langer Gesundheit. Die Schweiz zählt statistisch 72 gesunde Jahre bei 84 Jahren Lebenserwartung, und diese Lücke von zwölf Jahren ist der kritische Punkt. Alle wollen alt werden, niemand will alt sein. Wer körperlichen Abbau als «halt das Alter» einordnet, tut nichts dagegen.

Welche Rolle spielen die Gene? Eicher sieht das nüchtern: Die Schweizer Hundertjährigen-Studie bemisst den Einfluss auf nur gerade 20 bis 25 Prozent, und Gene liefern einen Rahmen, keine persönliche Prognose. Auch die Blue Zones, Regionen auf der Welt in denen Menschen besonders alt werden, relativierte sie. Das Konzept ist wissenschaftlich umstritten, die Register sind teils fehlerhaft, und in Nicoya und Okinawa zeigt die neue Generation bereits keinen Effekt mehr. Dennoch unterstreicht sie, dass soziale Eingebundenheit einen grossen Einfluss auf die Lebensqualität im Alter hat. Und Rauchen einer der schädlichsten Faktoren ausmacht. 2020 gab es in der Schweiz rund 1700 Hundertjährige, vier Jahre später 2200. Von 446 Befragten ist der grösste Teil mit dem Leben zufrieden, bei durchschnittlich sechs körperlichen Einschränkungen. Einschränkung und Zufriedenheit hängen also nicht zwingend zusammen. Genannt werden Optimismus, Kontrolle über das eigene Leben und die Tatsache, nicht einsam zu sein.

Zum Biohacking-Hype lieferte Eicher eine Prüflogik. Wurde am Menschen getestet oder an der Maus? Wurde ein Laborwert verbessert oder wurden Lebensjahre gewonnen? Und wer verdient daran? Belegt wirkt das Unspektakuläre. Nichtrauchen ist der grösste Einzelfaktor, dazu kommen Bewegung, Ernährung, Schlaf, Verbundenheit sowie Sinn und Aufgabe. Eine Studie mit 13'000 Personen über sieben Jahre verknüpft Balance, Mobilität und Beinkraft klar mit der Sterblichkeit, und die Ganggeschwindigkeit taugt als Gesamtindikator. Die WHO hat die soziale Gesundheit zur dritten Säule erklärt. In der Schweiz fühlen sich 13,5 Prozent einsam, und das sind auffällig oft die Jungen.

Die drei Referate hatten fachlich nichts miteinander zu tun und liefen doch auf dieselbe Beobachtung hinaus. Die Wirkung entsteht selten dort, wo wir sie planen. Gutknecht hatte zu Beginn gewarnt, man werde Dinge hören, die man längst kennt. Das stimmte. Vieles wissen wir, es rutscht im Alltag nur aus dem Bewusstsein.

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