* Eine neue Studie der HSG, der IHK und des Kantonalen Gewerbeverbands bescheinigt der höheren Berufsbildung (HBB) im Kanton St.Gallen eine hohe Bedeutung für Wirtschaft und Arbeitsmarkt. * Unternehmen zeigten sich mit dem Angebot zufrieden, erwarteten aber mehr Flexibilität und neue Kompetenzen. * Für Bildungsanbieter wie die Akademie St.Gallen ist das Bestätigung und Auftrag zugleich.
Eine starke Basis für den Wirtschaftsstandort
Die höhere Berufsbildung gilt als eine der grossen Stärken des Wirtschaftsstandorts St.Gallen. Eine neue Studie bestätigt diesen Eindruck nun erstmals mit einer breiten Datengrundlage. Mehr als 20 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung verfügen über einen Abschluss der höheren Berufsbildung; das ist deutlich mehr als im Schweizer Durchschnitt. Gleichzeitig wächst die Zahl der Studierenden seit Jahren stärker als national. Zu diesem Schluss kommt die Studie «Regionale Perspektive zur höheren Berufsbildung im Kanton St.Gallen», die im Auftrag des Bildungsdepartements des Kantons St.Gallen erarbeitet wurde.

Marc Olivi, Leiter Höhere Berufsbildung und Weiterbildung beim Kanton St.Gallen (siehe Kurzinterview unten): «Bisher hatten wir viele Erfahrungen und Einschätzungen. Jetzt haben wir erstmals eine breite Datengrundlage, auf der wir aufbauen können.» Mit dieser Datengrundlage bestätige die Studie viel von dem, was in der Praxis bereits vermutet worden sei – sie zeige aber auch, wo sich die Anforderungen veränderten. Sie sei so auch eine solide Grundlage für die weitere Entwicklung.
Die Wirtschaft steht hinter der höheren Berufsbildung
Besonders erfreulich fällt laut der Studie die Einschätzung der Unternehmen aus. Rund 70 Prozent beurteilen das Angebot der höheren Berufsbildung positiv. Zwei Drittel stufen sie als wichtig oder sehr wichtig für ihren Betrieb ein. Kritik gibt es zwar ebenfalls, sie bleibt jedoch punktuell.
Bemerkenswert ist auch die Motivation der Studierenden. Unternehmen befürchten häufig, dass Mitarbeitende nach einer Weiterbildung den Betrieb verlassen könnten. Die Befragung der Studierenden zeichnet jedoch ein anderes Bild: Für sie stehen fachliche Weiterentwicklung, mehr Verantwortung und neue Kompetenzen im Vordergrund. Ein Stellenwechsel spielt für sie eine deutlich kleinere Rolle.
Marc Olivi sieht darin eine wichtige Botschaft: «Die Leute absolvieren eine höhere Berufsbildung in erster Linie, weil sie sich weiterentwickeln wollen – nicht, weil sie möglichst rasch den Arbeitgeber wechseln möchten.»
Fachwissen allein genügt künftig nicht mehr
Die Studie zeigt gleichzeitig, dass sich die Erwartungen der Wirtschaft verändern. Neben fundiertem Fachwissen gewinnen Führungskompetenz, Kommunikation, Selbstorganisation und digitale Kompetenzen deutlich an Bedeutung. Unternehmen wünschten sich zudem flexiblere Bildungsangebote und einen noch stärkeren Praxisbezug.

Für Thierry Kurtzemann, Schulleiter der Akademie St.Gallen (siehe gleiches Kurzinterview unten), ist diese Entwicklung keine Überraschung. «Soft Skills gewinnen deutlich an Gewicht. Das beobachten wir seit einiger Zeit auch in unseren Lehrgängen», so seine Einschätzung.
Flexibler lernen
Gerade berufsbegleitende Weiterbildungen müssten sich stärker an den unterschiedlichen Lebenssituationen der Studierenden orientieren. Präsenzunterricht bleibe wichtig, werde aber zunehmend durch hybride und digitale Lernformen ergänzt. Künstliche Intelligenz eröffne neue Möglichkeiten, Lernprozesse individueller zu gestalten. Ziel sei jedoch nicht, den Unterricht zu ersetzen: «Nicht alle lernen gleich. Wir müssen unterschiedliche Wege anbieten, damit jede und jeder den passenden Zugang findet», erklärt Kurtzemann.
Dabei gehe es nicht um einen Ersatz des persönlichen Unterrichts, sondern um mehr Wahlfreiheit. Wer Unterstützung brauche, solle sie erhalten. Wer selbstständiger lernen könne, solle ebenfalls ein passendes Angebot finden.
Praxisbezug bleibt das Markenzeichen
Bei allen Veränderungen bleibt ein Befund der Studie unverändert: Der enge Bezug zur Arbeitswelt ist das eigentliche Erfolgsmodell der höheren Berufsbildung. Dozierende aus der Praxis, aktuelle Inhalte und der direkte Nutzen für Unternehmen werden sowohl von Bildungsanbietern als auch von den Betrieben als wichtigste Stärke genannt.
Gerade darin sehen Marc Olivi und Thierry Kurtzemann auch die Zukunft der höheren Berufsbildung: Sie müsse sich weiterentwickeln, ohne ihre grösste Stärke aufzugeben – die enge Verbindung zwischen Lernen und beruflicher Praxis.
Was ist in Ihren Augen die wichtigste Erkenntnis der Studie?
Marc Olivi: Dass wir viele Entwicklungen nun mit belastbaren Daten belegen können. Vieles hat sich bestätigt – etwa die hohe Zufriedenheit der Unternehmen. Gleichzeitig zeigt die Studie aber auch, wo Handlungsbedarf besteht. Sie liefert uns eine solide Grundlage, um die höhere Berufsbildung gezielt weiterzuentwickeln.
Welche Botschaft richtet sich an die Unternehmen?
Viele Unternehmen befürchten, dass Mitarbeitende nach einer Weiterbildung den Betrieb verlassen. Dazu gibt es eine Studentenbefragung; die Daten stammen aus einer Studie des Bundesamtes für Statistik. Diese Studie wurde in der HBB-Marktanalyse analysiert und eingebaut.
Die Analyse widerspricht der Befürchtung: Die meisten absolvieren eine höhere Berufsbildung, weil sie sich fachlich und persönlich weiterentwickeln möchten – nicht, weil sie möglichst rasch den Arbeitgeber wechseln wollen.»
Was bedeutet die Studie für Sie als Bildungsanbieter?
Thierry Kurtzemann: Die Anforderungen verändern sich. Wir müssen unsere Angebote stärker individualisieren. Nicht alle Menschen lernen gleich oder befinden sich in derselben Lebenssituation. Präsenzunterricht bleibt wichtig, wird aber durch hybride und digitale Lernformen sinnvoll ergänzt.
Was darf sich trotz aller Veränderungen nicht ändern?
Der Praxisbezug bleibt unser wichtigstes Merkmal. Digitalisierung und künstliche Intelligenz eröffnen neue Möglichkeiten, ersetzen aber weder die Dozierenden noch den persönlichen Austausch. Entscheidend bleibt die Verbindung zwischen Lernen und beruflicher Praxis.»
Die höhere Berufsbildung bildet zusammen mit Fachhochschulen und Universitäten die Tertiärstufe des Schweizer Bildungssystems. Sie richtet sich an Berufsleute mit Praxiserfahrung und umfasst insbesondere:
– eidgenössische Berufsprüfungen (Fachausweis)
– höhere Fachprüfungen (Diplom)
– Bildungsgänge an Höheren Fachschulen (HF)
Kennzeichnend sind der enge Praxisbezug und die berufsbegleitende Ausbildung.
Zusammenfassung der Studie: St.Galler Unternehmen zufrieden mit der höheren Berufsbildung – Bedarf und Herausforderungen wachsen
Studie herunterladen (PDF): Regionale Perspektive zur höheren Berufsbildung im Kanton St.Gallen

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