Der Machtkampf um den FC St.Gallen 1879 ist in vollem Gang

* Wer hat künftig das Sagen beim ältesten Schweizer Fussballclub? * Sind es die vielen Fans, oder konzentriert sich auch die operative Macht bei wenigen Grossaktionären? * Der Streit hat inzwischen auch die Politik erreicht.

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Veröffentlicht am

27.5.2026

 von 
Eckhard Baschek

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Der Machtkampf um den FC St.Gallen
Transparente im Wankdorf-Stadion: «Hinder dem Triumph stönd die Richtige – danke Beni, Patrick G., Christoph, Peter und Matthias!» und «Wer die Entwicklung mit Füess treted und üsem Club kei Sorg treit, wird mit aller Chraft bekämpft.»

Alle paar Stunden entwickelt sich der Eklat um die Führung des FC St.Gallen 1879 weiter. Für morgen Vormittag hat die FC St.Gallen Event AG zu einer Medienkonferenz eingeladen, und auch Verwaltungsratspräsident Matthias Hüppi, dessen Rücktritt verlangt wurde, ist dabei. Kaum zu glauben, dass der sonntägliche Cup-Gewinn und das Fest in der St.Galler Innenstadt gerade mal eine knappe halbe Woche her sind. Im Kern geht es darum, dass die Grossaktionäre des Fussballclubs auf der einen Seite und der Noch-Verwaltungsrat um Hüppi unterschiedliche Auffassungen über die bisherigen Leistungen, die erwarteten Leistung der Zukunft und die strategische Ausrichtung des FC St.Gallen 1879 haben. Ist man mehr als zufrieden mit den grossen Erfolgen der letzten Zeit, oder soll der Verein auf die Spitzenposition in der obersten Schweizer Liga getrimmt werden?

Doch nicht nur Matthias Hüppi (68), auch die anderen Verwaltungsräte stehen in der Schusslinie. Zwei von ihnen wurden von den Grossaktionären aufgefordert, ihren Platz zu räumen. Das stiess dort auf Unverständnis, und so traten gleich vier Verwaltungsräte von ihren Posten zurück. Peter Germann, Patrick Gründler, Christoph Hammer und Benedikt Würth werden per 30. Juni ausserordentlich aus dem VR ausscheiden. Benedikt Würth machte in Medieninterviews seinem Ärger Luft und betonte, so etwas habe er noch nie erlebt, und er habe ja schon einiges gesehen. Bis jetzt wartet er auf die Begründung, warum er nicht mehr im Verwaltungsrat (VR) erwünscht ist.

Dieser Vorgang, von einigen als «Putsch der Grossaktionäre» bezeichnet, hat zur Folge, dass nur noch der Grossaktionär Patrick Thoma, der 15 Prozent der Aktien der FC St.Gallen Event AG hält und erst seit Herbst im VR sitzt, dem bisherigen und dem angedachten neuen VR angehören soll.

Als Ersatz nennen die Grossaktionäre der ehemaligen Nati-Goalie Marwin Hitz, den Treuhänder Urs Baumer, die Thurgauer Juristin Martina Wüthrich und den ehemaligen SVP-Regierungsrat Stefan Kölliker. Er soll auch Matthias Hüppi als VR-Präsidenten beerben. Er fühlt sich jedenfalls schon gut im noch nicht bestellten VR aufgehoben, betonte er doch gegenüber den Medien, er sei nicht schuld an der Situation mit dem unglücklichen Timing und «wir haben uns zurückgehalten» mit der Kommunikation bis nach dem Cup-Gewinn. Interessant ist vor allem das Wort «wir». Wer aber sind die wichtigen Akteure in der Führungs-Rochade? Da gibt es einige Interessengruppen und ungleiche Machtverhältnisse. Die wichtigsten sind die folgenden.

Die Grossaktionäre
Auf der einen Seite gibt es Aktionäre mit einem relativ grossen Stimmanteil an der FC St.Gallen Event AG. Die grössten sind die Zwillingsbrüder Remo (in Mörschwil) und Philipp Bienz (in Goldach), denen die Fortimo Group AG gehört, mit einem gemeinsamen Anteil von fast 22 Prozent. Danach folgen Jérôme und Patric Müller mit zusammen 15 Prozent; ihnen gehört die Immobilien-Entwicklungsfirma Gemag (Gebrüder Müller AG). Ebenfalls 15 Prozent hält Patrick Thoma, VR-Präsident der Thoma Immobilien Treuhand AG und Präsident der Ambassadoren-Gönnervereinigung des Clubs, genauso wie Küchenbau-Unternehmer Rolf Schubiger und Metallbau-Unternehmer Roland Gutjahr. Ernst Eisenhut, seines Zeichens Bauunternehmer, gehören knapp 8 Prozent, und je 6 Prozent sind jeweils in den Händen der Brauerei Schützengarten und von Martin Jäger, der dem Küchenbauer Schubiger und dessen Unternehmen nahesteht.

Die beiden Aktiengesellschaften und die Kleinaktionäre
Der FC St.Gallen 1879 ist in zwei Aktiengesellschaften unterteilt. Die FC St. Gallen Event AG hält knapp 50 Prozent an der FC St.Gallen AG. Die anderen rund 50 Prozent sind im Besitz von insgesamt rund 19’000 Klein- und Kleinstaktionärinnen und -aktionäre. Gemäss Medienberichten und den Aussagen auf den sozialen Plattformen stehen sie hinter dem alten Verwaltungsrat. Sie sind aber, zumindest bisher, nicht organisiert, weshalb ihr Einspruch an der entscheidenden Generalversammlung sehr geschlossen sein müsste. Vermutlich reicht nicht einmal das, sie müssten zumindest noch einen Grossaktionär auf ihrer Seite haben.

Die Wirtschaft
Unternehmenskreise haben sich bisher nicht offiziell geäussert. Sponsoren sind wie scheue Rehe: Wittern sie Gefahr, ergreifen sie schnell die Flucht. Daher ist anzunehmen, dass sie nicht an einer Eskalation interessiert sind und schon gar nicht an einer Fan-Gemeinde, die dem geliebten Verein den Rücken zudreht.

Die Politik
In ungewöhnlich deutlichen Worten hat sich die Politik zu Wort gemeldet. In einem offiziellen Communiqué der St.Galler Kantonsregierung wird der Cup-Erfolg gefeiert, der «jedoch nicht möglich gewesen ohne die strategische Weitsicht, die Stabilität und das Engagement, welche die aktuelle Clubführung und der amtierende Verwaltungsrat über die vergangenen Jahre geleistet haben». Sie macht ihre Meinung klar: «Die Regierung ist der Auffassung, dass eine erzwungene Ablösung des Verwaltungsrats zum jetzigen Zeitpunkt – unmittelbar nach dem grössten sportlichen Erfolg seit Jahrzehnten – das verbindende Moment des Cupsiegs in Frage stellt. Sie birgt das Risiko, das über Jahre aufgebaute Vertrauen in die Clubführung zu erschüttern, den Rückhalt bei Fans, Bevölkerung und Sponsoren zu gefährden und das Ansehen sowohl des Clubs nach innen und aussen zu beschädigen.» Inhaltlich gedenke man sich nicht in die Diskussion einzumischen, aber man bittte alle Akteure, «mit Zurückhaltung, Verantwortungsbewusstsein und dem Blick für das grössere Ganze zu handeln».

Die SVP des Kantons St.Gallen liess verlauten, dass dort niemand vorab über die Absichten der Grossaktionäre informiert gewesen geschweige denn involviert gewesen sei. Für die SVP des Kantons St.Gallen habe die Unabhängigkeit des Sports und der Clubs einen hohen Stellenwert.

Die FCSG-Fans
Aus der Basis kommen vor allem geharnischte Kommentare. «Für einen starken, geeinten und erfolgreichen FC St.Gallen!» heisst eine am Nachmittag lancierte Online-Petition. Sie fordert unter anderem den Verzicht auf Machtspiele und den Verbleib von Matthias Hüppi sowie des gesamten Verwaltungsrates. 20’000 Voten sind allein bis am frühen Abend eingegangen. Die Petition hat zumindest eine symbolische Bedeutung.

Daneben ist gut vorstellbar, dass sich auch die Organisationen «Dachverband 1879» und «Espenblock» sehr deutlich positionieren werden. Die Fans hatten schon am Sonntag, direkt nach dem Abpfiff des Cupfinals, ein langes Transparent gezeigt, in dem sie dem bestehenden VR den Rücken gestärkt haben. Auch eine Webseite wurde zu diesem Zweck veröffentlicht.

Und jetzt?
Zunächst muss man abwarten, was nach der Medienkonferenz, die um 11 Uhr im Kybunpark beginnt, kommuniziert wird. Dabei sind verschiedene Varianten denkbar. Sollte das Aktionariat an seiner harten Haltung festhalten, Matthias Hüppi an die Luft setzen bzw. ihn dazu nötigen, den Bettel per sofort hinzuwerfen, sind die kleinen und grossen Aktionäre und Aktionärinnen gefordert. Soll der Club, wie es seinem Zweck entspricht, ein wenig allen gehören, eine Ostschweizer Institution bleiben mit einer Fanbase, die sich abgeholt fühlt, oder geht es eher in Richtung des Shareholder-Value-Ansatzes, der die Maximierung des Unternehmenswertes in den Mittelpunkt stellt, also finanzielle Interessen vor die gesellschaftlichen stellt? In der Geschichte des Schweizer Fussballs gibt es etliche Beispiele von Clubs, die kommerzialisiert oder in wenige Hände gelegt wurden und mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Der Zusammenhang ist nicht zwingend, aber drängt sich auf. Prominente Beispiele: Xamax, der FC Wil, der Grasshopper Club Zürich und der FC Sion. Der älteste Schweizer Club, der sein Gründungsjahr stolz im Namen trägt, hätte so ein Schicksal wohl nicht verdient.

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