* Über 500 Fachleute aus Wirtschaft, Verwaltung und Forschung trafen sich diese Woche auf dem Olma-Areal in St.Gallen zum dreizehnten Energiekongress. * Unter dem Motto «Die Kraft der Begeisterung» drehte sich der Tag um die Frage, wie die Energiewende mit Haltung, Technologie und Tempo gelingen kann. * Wichtige Erkenntnis: Es braucht finanzielle Anreize, damit Hausbesitzer auf nachhaltige Systeme wechseln.

«Begeisterung allein reicht nicht», konstatierte Marco Zahner, Geschäftsführer der Energieagentur St.Gallen, gleich zur Eröffnung. Es bedürfe zwingend technischer Innovationen, gezielter Investitionen und einer deutlich höheren Sichtbarkeit des Themas. So lud Zahner gleich zu Beginn sein Publikum dazu ein, Eindrücke des Events über die Sozialen Medien zu teilen.
Schon bald fiel ein erstes Mal das Schlagwort der Stunde – die «geopolitische Lage». Michael Götte, Nationalrat und Vorsitzender der Geschäftsführung der Energieagentur St.Gallen, verwies auf die ungelösten Fragen zur Kernenergie in der Schweiz sowie die Abhängigkeit von internationalen Märkten. «Es herrscht ein breites Einvernehmen darüber, dass sich in der Energiepolitik etwas ändern muss», so Götte. Dennoch sei das Thema Umwelt und Energie im Sorgenbarometer der Bevölkerung zuletzt abgerutscht – zu dominant waren Themen wie die US-Politik unter Trump, Handelszölle und globale Kriegsherde.
Den inhaltlichen Auftakt setzte Prof. Dr. Wolfgang Jenewein, Titularprofessor an der Universität St.Gallen und Coach von Spitzensportlern wie Skifahrer Aleksander Aamodt Kilde und Fussballtrainer Hansi Flick. Sein Referat rückte den Menschen ins Zentrum: Nicht die Technologie allein, sondern die innere Einstellung entscheide über den Erfolg von Veränderungsprozessen.
«Seid ihr noch neugierig?», fragte Jenewein provokativ in den Saal. Während Neugier für Kinder selbstverständlich sei, gehe diese Haltung im Laufe einer langen Berufskarriere oft verloren. Eine gefährliche Entwicklung in Zeiten rasanten Wandels. Er empfahl, Herausforderungen nicht sofort in die Kategorien «positiv» oder «negativ» zu pressen: «Betrachtet es erst einmal schlicht als interessant.» Jenewein illustrierte dies am Beispiel Tesla: Während die europäische Industrie das Projekt anfangs als chancenlos belächelte, sicherte sich Elon Musk durch radikale Neugier einen entscheidenden Vorsprung. Sein Appell an St.Gallen: Wer auf Erfahrung beharrt, verliert den Anschluss; wer lernt, bleibt beweglich.
Direkt im Anschluss an Jenewein ging es vom Mindset zur konkreten Umsetzung vor Ort: In einer Talkrunde blickten alt Stadtrat Fredy Brunner, Stadtrat Peter Jans (Direktor Technische Betriebe) sowie Karin Hungerbühler (Co-Leiterin Umwelt und Energie Stadt St.Gallen) auf zwei Jahrzehnte städtische Energiepolitik zurück. Das 2007 verabschiedete St.Galler Energiekonzept galt als eines der ambitioniertesten kommunalen Programme der Schweiz. Es definierte langfristige Ziele für Effizienz und erneuerbare Energien – lange bevor «Netto-Null» zum politischen Standardvokabular wurde.
Fredy Brunner, Mitbegründer des Konzepts, erinnerte an sein damaliges Credo: «Man muss den Grünen nicht das Stricken beibringen, sondern die Wirtschaftlichkeit ins Zentrum stellen.» Dennoch brauchten grüne Ideen Zeit. Exogene Schocks fungierten dabei mal als Katalysatoren, mal als Störfaktoren: Die Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011, das Pariser Klimaabkommen 2015 und der Ukraine-Krieg 2022. Karin Hungerbühler ergänzte, dass man bereits 2012 Putin als Mahnmal in Präsentationen nutzte: «Es war damals schon klar, dass wir energetisch unabhängiger werden müssen.»
Peter Jans betonte die Rolle der Kommunikation: «Wir haben stets versucht zu erklären, warum unsere Pläne notwendig sind.» Der Erfolg gab ihnen recht, wie die Abstimmungsresultate zeigen. Einen massiven Rückschlag markierte jedoch das Erdbeben in St.Gallen vom 20. Juli 2013, das zum sofortigen Stopp des Geothermieprojekts im Sittertobel führte. Ursprünglich sollte so die Hälfte der Stadt mit Erdwärme versorgt werden. «Noch heute fragen mich die Leute, wann wir wieder mit der Geothermie beginnen», so Brunner. Eine Fortsetzung erfordere jedoch politischen Mut und eine erneute Risikoabwägung. Als Alternative nannte Jans die Windenergie: «Wir sind bereit, bei entsprechenden Projekten langfristige Nutzungsverträge abzuschliessen.» Karin Hungerbühler formulierte zum Abschluss eine Vision: Sie möchte eines Tages in der Zeitung lesen: «St.Gallen ist klimaneutral.»
Nach der Pause vertieften acht Breakout-Sessions spezifische Felder – von Strompreisprognosen und Batteriespeichern über KI im Energiemanagement bis hin zur Mobilität. Am Beispiel Uzwil präsentierte die Organisation «42hacks» das Projekt «100 in 100». Das Ziel: Innerhalb von hundert Tagen hundert Eigenheimbesitzerinnen und -besitzer zum Umstieg von Öl oder Gas auf Wärmepumpen zu bewegen. Umfragen zeigen: Nur jeder vierte Haushalt plant einen Wechsel in den nächsten fünf Jahren, und nur fünf Prozent setzen ihn tatsächlich um. Durch intensive Überzeugungsarbeit konnten im Projekt dennoch 86 Haushalte gewonnen werden. Es brauche dazu viel Überzeugungsarbeit, berichtete 42hacks.
Dem stimmte auch Boris Tschirky zu. Der Gemeindepräsident von Gaiserwald unterstrich die Notwendigkeit einer Anschubfinanzierung, um den Anreiz für die Hausbesitzerinnen und -besitzer zu erhöhen. «Der Staat kann viel machen, muss aber irgendwann wieder aufhören, PV-Anlagen oder Wärmepumpen zu subventionieren.» Erst recht, wenn diese Technologien markttauglich geworden seien. Für Tschirky sind die Prozesse rund um Heizungsersatz und Fördergelder für die Bürgerinnen und Bürger zu aufwendig und komplex. Hier brauche es tiefere Hürden, wolle man die Wende weiter beschleunigen. Auch die Beratung müsse ausgebaut werden, seien doch viele Heizsysteme nicht effizient eingestellt.
Nach Spätzli mit Apfelmus zum Mittagessen gab es am Nachmittag eine Portion Optimismus anhand diverser Erfolgsbeispiele. Unternehmensberater Tim Meyer argumentierte unter dem Titel «Willkommen in der 4. Energierevolution», warum die Dekarbonisierung schneller komme, als viele dächten. Dass technologischer Fortschritt oft unterschätzt wird, belegte er mit einem Zitat des ehemaligen RWE-Chefs Jürgen Grossmann aus dem Jahr 2012: «Die Nutzung der Solarenergie in Deutschland ist etwa so sinnvoll wie der Anbau von Ananas am Nordpol.» Die Realität hat diese Einschätzung überholt: Solar- und Windkraft wachsen rasanter als fossile Energieträger. Allein die Solarkraft verdoppelte ihren Anteil am globalen Mix in vier Jahren von vier auf acht Prozent. Meyer riet der Schweiz deshalb, sich nicht in Debatten um neue Atomkraftwerke zu verzetteln. Dazu gehen die Meinungen in der Politik bekanntlich auseinander.
Eine pointierte Haltung zur Kernenergie vertritt Anton Gunzinger. Der emeritierte ETH-Professor gab zu bedenken, dass die Inbetriebnahme eines neuen Atomkraftwerks in der Schweiz mindestens zwanzig Jahre dauern würde – zudem verdopple sich der Preis für Kernenergie alle zwölf Jahre. Gunzinger stellt stattdessen die zentrale Frage: «Kann die Schweiz mit 100 Prozent erneuerbarer Energie versorgt werden?» Basierend auf seinen Berechnungen liegt der Bedarf im Jahr 2035 bei rund 60 Terawattstunden. Eine grossangelegte Simulation belegt, dass diese Menge rein über regenerative Quellen gedeckt werden kann. Dies erfordere jedoch massive Investitionen im Inland, auch um die Auslandabhängigkeit zu verringern. Gunzinger schloss mit einer selbstkritischen Bilanz: «Wenn wir unseren Job gemacht hätten, könnten wir uns schon heute rein aus erneuerbaren Energien versorgen.»
Neben Energiefragen kam auch das Thema Mobilität nicht zu kurz. Martina Müggler von der Schweizerischen Post stellte mit «AmiGo» das Projekt für automatisierte Mobilität vor. Ab 2027 sollen im St.Galler Rheintal 25 fahrerlose Autos unterwegs sein. Seit vergangenem Dezember läuft der Testbetrieb zwischen Altstätten und Au («Der Rheintaler» berichtete).
Den Schlusspunkt setzte Kabarettist Timo Wopp mit einem humorvollen Rückblick auf den Kongresstag, bevor Marco Zahner mit dem Schlusswort zum Apéro überleitete. Begeisterung war das Motto des diesjährigen Energiekongresses. In den Vorträgen und Diskussionen zeigte sich aber auch, wie wichtig neben einer optimistischen Herangehensweise auch die Wirtschaftlichkeit neuer Technologien ist. Herr und Frau Schweizer finden eine Wärmepumpe, Photovoltaik oder ein E-Auto «cool», doch die Entscheidung wird weniger mit dem Herzen als vielmehr mit dem Portemonnaie getroffen. Nachhaltigkeit muss sich rechnen, und hier hat die Branche noch Arbeit vor sich.
Am Donnerstag, 27. Mai 2027, findet der nächste Energiekongress in den Olma-Hallen in St.Gallen statt. Details hier.

Am 10. September 2026 findet der Greenovation Summit zum dritten Mal statt – diesmal im Stammhaus der Blumer Lehmann AG in Gossau. Unternehmerinnen, Entscheider und Nachhaltigkeitsverantwortliche aus der Ostschweiz erwartet ein Nachmittag mit konkreten Praxisbeispielen, interaktiven Sessions und der Verleihung des Greenovation Award.

* Rorschach bereitet sich auf die Durchführung des 113. St.Galler Kantonalen Schwingfests im Jahr 2028 vor. * Mehr als 110 Jahre nach der letzten Austragung soll der Anlass wieder nach Rorschach zurückkehren. * Die offizielle Bewerbung für die Durchführung des St.Galler Kantonalen Schwingfests 2028 wurde beim kantonalen Verband eingereicht.

* Zum 50-Jahr-Jubiläum lud die St. Galler Kommunikationsagentur Die Botschafter über 100 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft auf den Säntisgipfel. * Thema der Tagung war Entscheidungskultur. * Gäste waren unter anderem Glarner Landammann Kaspar Becker, CSIO-Präsidentin Nayla Stössel und Tobias Trütsch von der Universität St. Gallen.