* Dr. Miriam Meckel, unter anderem Professorin für Corporate Communication an der HSG, setzt sich seit Langem auch mit dem Phänomen der KI auseinander. * In ihrem Gastkommentar warnt sie davor, Denkprozesse unkritisch an die KI zu delegieren. * KI raube uns etwas zutiefst Menschliches: den Prozess des Nachdenkens, der Gestaltung, der Entwicklung.

Aus der Weisheit der indigenen Völker ist viel Kluges überliefert, beispielsweise dieser Satz: «Wir müssen von Zeit zu Zeit eine Rast einlegen und warten, bis unsere Seelen uns wieder eingeholt haben.» Für asiatische Touristen, die in drei Tagen «Europa» besichtigen, mag dies eine befremdliche Vorstellung sein. Ansonsten hat sich diese Erkenntnis über das Reisen hinaus als Erfolgsmoment der Zivilisationsgeschichte herausgestellt: Alles, was wir tun, ist eine Reise mit einem Start und einem Ziel. Dazwischen liegt nicht nur eine Wegstrecke und eine Zeitdifferenz. Es sind vielmehr die vielen einzelnen Schritte und die mit ihnen verbundenen Anstrengungen, die neue Perspektiven, Einsichten und wiederholbare Erfolge bringen. Dafür muss man sich beim Reisen an ein paar Regeln halten, um überhaupt irgendwann anzukommen.
All das scheint sich gerade zu ändern. Das Outcome gewinnt. Nur Verlierer bestehen auf einen geregelten Prozess.
Es beginnt harmlos. Ein automatisiertes Bewerbungsverfahren hier, ein KI-generierter Text dort. Ein Weihnachtswerbespot, der nicht mehr aufgenommen, sondern errechnet wurde. Und plötzlich finden wir uns wieder in einem Jahr, das in einer lautlosen Explosion einen epochalen Wandel vollzieht: 2026 setzt den Anfangspunkt einer Zeit, in der wir nicht mehr an Prozessen, sondern nur noch an Ergebnissen interessiert sind. Und das auf fast allen Ebenen ¬– von der Arbeitswelt bis zur Weltpolitik.
Diese neue Obsession für das Sofort-Ergebnis hat viele Ursachen: Ungeduld, Sparzwang, Bequemlichkeit, individueller Grössenwahn – sie alle zahlen ein auf eine Ergebnisfixierung, die ohne Anbahnung auskommt. Künstliche Intelligenz spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie verspricht uns Effizienz, spart Zeit, erledigt Aufgaben im Bruchteil einer Sekunde. Das raubt uns etwas zutiefst Menschliches: den Prozess des Nachdenkens, der Gestaltung, der Entwicklung.
Was früher ein kreativer, oft auch schmerzhafter Weg war, wird nun zum Tastendruck: Prompt rein, Output raus.
Wer heute mit KI arbeitet, lernt schnell, dass das Ergebnis wichtiger ist als der Weg dorthin. Wer zu lange überlegt, überlässt der Maschine das Feld. Wer noch Prozesse gestaltet, während andere schon Resultate präsentieren, wirkt wie ein Fossil aus einer behäbigen Zeit. Fortschritt, so scheint es, duldet keine Geduld mehr. So implodiert die zivilisatorische Errungenschaft eines kritischen Denkprozesses. Frage und Antwort werden wie von einem super Magneten angezogen, zwischen ihnen bleibt kein Raum mehr für einen Entwicklungsprozess durch graduellen Zweifel.
Das zieht Kreise. In den USA erleben wir gerade, dass selbst fundamentale Prinzipien wie «due process», also das rechtsstaatliche Verfahren, unter die Räder kommen. Statt Debatte: Dekret. Statt Verfahren: Vollzug.
Präsident Trump hat in seiner zweiten Amtszeit mehr als 1600 Menschen begnadigt, nur zehn davon durchliefen das übliche Verfahren. Gesetze werden im Schnellverfahren durchgewinkt oder schlicht umgangen. Der Einsatz des US-Militärs in Venezuela gegen vermeintliche Drogenschiffe hätte die Zustimmung des US-Kongresses gebraucht, denn hier sagt Trump selbst immer wieder, es handele sich um einen «Drogenkrieg». Diese Zustimmung gab es nicht, nicht bei dem Angriff auf die Boote und nicht beim Einsatz in Caracas und der Verschleppung Maduros.
Die Auslöschung eines geregelten Prozesses ist keine parteipolitische Frage oder eine von rechts oder links. Selbst liberale Stimmen, die sonst den Wert eines ordentlichen Verfahrens hochhalten, schwenken plötzlich um. Ein neuer populärer Ansatz in den USA proklamiert «Schafft Überfluss» («Abundance»). Genehmigungsverfahren für Häuser, Autobahnen oder Tunnel? So ein Quatsch! «Build, baby, build!» lautet das neue Motto. Wir bauen einfach so viel, dass irgendwas schon klappen wird – Hauptsache Resultat.
Manchmal sind es gerade unsichtbare Prozesse, die grosse Wirkungen entfalten. Die über Jahrzehnte entwickelte Kunst, über erprobte Techniken und Methoden unter den gegebenen Umständen das beste Ergebnis zu erzielen. Die Normierung und Standardisierung von E-Ladestationen in den USA etwa ist kein PR-wirksames Spektakel. Aber sie funktioniert, und die Zahl der Ladestationen wächst still und verlässlich, weil Bürokratien ihre Arbeit machen. Auch in Deutschland gibt es sie noch: Menschen, die sich mit Hingabe und Kompetenz durch Verordnungen, Satzungen und Abstimmungen kämpfen, um etwas zu ermöglichen. Doch ihr Beitrag wird zunehmend entwertet – nicht durch Ergebnislosigkeit, sondern durch Ungeduld.
Natürlich: Prozess darf kein Selbstzweck sein. Wer einmal versucht hat, gegen drei Haselmäuse und zwei Zwergschwäne eine Autobahn zu Ende zu bauen oder den Anbau für eine Primarschule zu genehmigen, weiss, wie lähmend eine über die Massen bürokratisierte Verwaltung sein kann. Das sind Beispiele für bürokratisierte Verfahren, die den Prozess über das Ergebnis stellen und nur noch zu Frust führen.
Doch Prozesse sind nicht nur Hindernisse. Sie sind Sicherheitsgeländer. Sie garantieren Fairness in der Politik, Gerechtigkeit in der Gesellschaft und Fertigungsqualität in der Industrie. Sie machen das Ergebnis besser, weil das Verfahren dokumentiert ist und kontrolliert werden kann.
Wir haben verlernt, Prozesse zu schätzen, weil sie Zeit kosten. Dabei sind es oft die langsameren Wege, die nachhaltigere Wirkung entfalten. Der «National Labor Relations Act» aus den Zeiten des New-Deal von Präsident Roosevelt in den USA war kein Manifest und kein grosser Sprung nach vorne. Es war ein Verfahren: ein Weg, wie Gewerkschaften und Arbeitgeber miteinander reden konnten, um ein gemeinsames gutes Ergebnis zu erzielen. Das ist klug, nicht ideologisch. Und es ist demokratisch, weil es alle relevanten Partner beteiligt.
In einer Welt, in der nur noch Ergebnisse zählen, verlieren wir das, was ein ordentlicher Prozess am besten liefern kann: Orientierung. Denn ein Prozess ist auch eine Schule der Reflexion. Wer ein Ziel verfolgt, ohne sich mit dem Weg auseinanderzusetzen, läuft Gefahr, jedes Mittel zu rechtfertigen. Was das bedeutet, lässt sich gerade weltweit beobachten – an politischen Führern, die mit allen und allem kurzen Prozess machen.
Über Miriam Meckel
Prof. Dr. Miriam Meckel ist Ordentliche Professorin für Corporate Communication und Direktorin am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement (MCM-HSG) der Universität St.Gallen. Sie studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Sinologie, Politikwissenschaft und Jura an den Universitäten Münster und Taipeh, Taiwan. Nach dem Studium war sie zehn Jahre als Journalistin für öffentlich-rechtliche und kommerzielle Sender (ARD, VOX, RTL) als Moderatorin, Reporterin und Redaktorin in Nachrichten- und Magazinformaten tätig. Sie war einige Jahre Chefredaktorin und dann Herausgeberin der deutschen «Wirtschaftswoche». Miriam Meckel ist Gründungsverlegerin und geschäftsführende Gesellschafterin der ada Learning GmbH, die die digitale Weiterbildungsinitiative «ada» betreibt, eine Plattform für das digitale Leben und die Wirtschaft der Zukunft. «ada» ist ein Innovationshub für organisatorischen Wandel und Weiterbildung über Organisationsgrenzen hinaus. Seit 2022 ist sie zudem Verwaltungsrätin und Mitglied des Revisionsausschusses der TX Group, das Mutterhaus des Tamedia-Verlags. Sie ist Co-Autorin des Buches «Alles überall auf einmal: Wie Künstliche Intelligenz unsere Welt verändert und was wir dabei gewinnen können».
