Icotec aus Altstätten holt sich Verstärkung für den nächsten Wachstumsschritt

* Roger Stadler ist CEO des Medizinal-Unternehmens Icotec mit Hauptsitz in Altstätten. * Es stellt weltweit einzigartige Implantate ohne Metalle her, die bei CT- und MRT-Bildern kaum Bildstörungen verursachen. * Trotz internationalen Ausbauplänen hält er am Standort Rheintal fest, spart aber auch nicht an Kritik an der Politik.

Business Class Ost
  •  

Veröffentlicht am

7.7.2026

 von 
Eckhard Baschek

EXKLUSIV

PAYWALL

PAID CONTENT

KOMMENTAR

Icotec
Der Hauptsitz von Icotec an der Industriestrasse 12 in Altstätten.

Die Icotec AG ist eine der interessantesten Medtech-Erfolgsgeschichten des Rheintals. Das Unternehmen entwickelt und produziert Wirbelsäulenimplantate aus karbonfaserverstärktem Kunststoff statt Metall – das gab es vorher nicht. Der grosse Vorteil: Die Implantate verursachen in CT- und MRT-Bildern kaum Störungen und sind durchlässig für Strahlen bei der Tumortherapie. Das hilft bei der Diagnose, der Strahlentherapie sowie bei der Früherkennung von wiederaufflammenden Tumoren. Seit der Gründung 1999 durch Karl Stadler ist die Icotec Weltmarktführerin bei nichtmetallischen Implantaten. Nach der Übernahme des Gruppen-CEO-Postens von seinem Vater im Jahr 2001 hat Roger Stadler Icotec von einer technologiegetriebenen Gründerfirma zu einem international expandierenden Medtech-Unternehmen umgebaut.

In den 26 Jahren hat sich die Zahl der Mitarbeitenden massiv erhöht. Waren es beim Start noch drei, liegt die Zahl über alle Standorte – neben Altstätten sind es Boston USA und Oberursel D – bei fast 150, davon allein rund 45 in den USA und knapp 95 in Altstätten, wo an der Industriestrasse 12 trotz des zunehmenden Wachstums im US-Markt noch immer das Zentrum von Forschung, Entwicklung und Produktion liegt.

Kommt eine zweite Finanzierungsrunde?
Ein Meilenstein war 2024 der Einstieg des Healthcare-Investors MVM Partners (London, Boston) ins Unternehmen. Mit der 30-Millionen-Dollar-Spritze haben sich die Eigentumsverhältnisse nicht wesentlich verändert; die Kontrolle übt weiterhin das Family Office der Stadler Familie, WISTAMA, aus. Das Ziel des Investments ist die schnellere Entwicklung neuer Anwendungen, etwa bei Infektionen und Osteoporose der Wirbelsäule. Denn Geschwindigkeit bedeutet in der hochkompetitiven globalen Tech-Welt alles.

Am 18. Juni 2026 hat die Icotec einen renommierten Verwaltungsrat an Bord geholt: Daniel Geiger. Er ist Finanzchef von Kuros Biosciences. Auch dieses Schweizer Unternehmen verfügt über einen beachtlichen Erfolgsausweis. Kuros ist dank seines Knochenersatzprodukts MagnetOs stark gewachsen und hat den Börsenwert in den letzten Jahren massiv gesteigert. Geiger bringt mehr als 20 Jahre Erfahrung in den Bereichen Finanzen, Kapitalmarkt, Investor Relations, M&A und internationale Expansion mit. Frühere Stationen waren unter anderem EY, Kofax, Swiss Steel und Autolus.

Für Icotec dürfte seine Berufung dreierlei bedeuten: Erstens die Vorbereitung auf eine weitere Wachstumsphase, insbesondere in den USA und in Asien. Zweitens die Stärkung der Kapitalmarkt- und Finanzkompetenz im Verwaltungsrat. Und drittens holt man damit Know-how aus Kuros’ sehr erfolgreicher Schweizer Medtech-Wachstumsgeschichte.

Roger Stadler sagt zu den Wachstumsplänen: «Icotec hat sich in den letzten Jahren mit einer konsequenten Fokusstrategie zum Weltmarktführer von Wirbelsäulenimplantaten bei Wirbelsäulen-Tumoren entwickelt. Wir sind in den letzten fünf Jahren um jeweils rund 40 Prozent gewachsen. In einer nächsten Phase werden Schritt um Schritt weitere Wirbelsäulenbereiche aufgebaut. Zudem plant Icotec, jedes Jahr mindestens eine neue Produktfamilie zu lancieren. Diese Produkte werden mit einigen der weltbesten Ärzte, speziell aus den USA, entwickelt und eingeführt. Es handelt sich hierbei um Anwendungen, die alleine in den USA einen Milliardenmarkt im Fokus haben. Icotecs Produktvorteile der Röntgentransparenz und Biomechanik sind einzigartig und verbessern die Behandlungsoptionen der Patienten massiv. Keine Artefakte in MRT/CT oder Röntgen hat zur Folge, dass die Ärztin oder der Arzt die zu behandelnde Stelle der Wirbelsäule detailliert analysieren kann und sich nicht mehr im Schatten der metallischen Implantate bewegt – die präzisere, effizientere und somit sichere Behandlung der Patienten wird möglich.»

Aber bedeutet die starke Ausrichtung auf die USA angesichts der Zoll- und Regierungs-Kapriolen nicht ein Klumpenrisiko? Stadler: «Medtech-Unternehmen generell sind sehr oft stark abhängig vom US-Markt. Wir beobachten ständig die sich verändernden Rahmenbedingungen. Icotec profitiert jedoch vom Nairobi-Protokoll, was den Import von Implantaten und Instrumenten in die USA massiv verbilligt. Wir sind zudem Mitglied des US-amerikanischen Medtech-Verbandes ADVAMED, der intensive Lobbyarbeit für die Firmen in Washington betreibt und sie berät. Aber: Der US-amerikanische Markt entspricht 50 Prozent des Weltmarktvolumens, ist sehr dynamisch und offen für Innovationen wie die von Icotec. Das ist auch der Grund, dass ich mit der Familie in die USA umgesiedelt bin, um näher am Markt, bei den Ärztinnen und Patienten zu sein und meine Erfahrungen direkt in den USA umzusetzen.»

Von grosser Bedeutung für das Rheintal
Für das Rheintal ist die Entwicklung von Icotec mehr als eine Unternehmensgeschichte: Sie ist ein Beispiel dafür, wie sich die Region von einem klassischen Industrie- und Maschinenbaustandort zu einem internationalen Hightech- und Medtech-Standort entwickelt. Wenn sich Icotec so weiterentwickelt wie im letzten Vierteljahrhundert, könnte aus einem «Hidden Champion» ein richtiger Champion entstehen.

Das Rheintal ist derzeit geprägt durch Unternehmen aus den Bereichen Präzisionsmechanik, Optik, Maschinenbau und Kunststofftechnik. Mit Icotec kommt nun ein weltweit führendes Medtech-Unternehmen hinzu, das von Altstätten aus einen globalen Markt bedient, wie es auch die SFS Group, Jansen, swissQprint, Oertli Instruments und viele weitere bereits erfolgreich tun, und das trotz globaler Verwerfungen.

Dass die Wertschöpfung von Icotec mit Forschung, Entwicklung und Produktion in Altstätten entsteht und damit auch die Gewinne mindestens grossteils in der Region bleiben, hat den angenehmen Nebeneffekt, dass hier gut bezahlte Stellen für Ingenieure, Materialwissenschaftlerinnen, Qualitätsmanager, Regulatory-Spezialistinnen und Medizintechnik-Fachleute entstehen. Und solche Arbeitsplatz-Angebote können als Magnet für weitere innovative Firmen und Fachkräfte wirken.

Am Ende könnte die Berufung Geigers nicht nur der Schritt zur internationalen Expansion und einer grösseren Finanzierungsrunde bedeuten, sondern auch ein Hinweis auf bevorstehende Akquisitionen, eine weitere professionelle Skalierung oder gar einen Börsengang sein. Die neue Zusammensetzung des Verwaltungsrats deutet darauf hin, dass man ernsthaft über die nächste Entwicklungsstufe nachdenkt.

Bedeutet das aber, dass die Bedeutung von Altstätten abnehmen könnte? Vielleicht auch, weil die US-Regierung die Wertschöpfung gerne ins Land holen würde, zur Not auch mit der Brechstange? Dazu hat Roger Stadler eine klare Meinung: «Altstätten ist mein Heimatort, ich bin da aufgewachsen, mein Vater lebt hier, und es bleibt das globale Headquarter von Icotec. Um Vorbereitungen für die Zukunft zu treffen, wie patientenspezifische Implantatsysteme, suchen wir aktuell einen Standort in Boston. Es werden aber keine Produktionsschritte in die USA verlagert, sondern zusätzliche in den Staaten aufgebaut.»

Damit stellt sich die umgekehrte Frage: Hält Roger Stadler die Standortqualität des Rheintals für attraktiv, und ist er hier auch zuversichtlich für die Zukunft? Stadler: «Das Rheintal ist und bleibt das Präzisions- und Innovations-Valley der Schweiz. Wichtig ist, dass wir top ausgebildete Spezialistinnen und Spezialisten finden. Wenn ich aber betrachte, wie der Staat Massachusetts/Boston unser Ansiedeln mit einer Standortförderung unterstützt, sollte auch das Rheintal oder die kantonale Wirtschaftsförderung die Zeichen des globalen Wettbewerbs erkennen und dementsprechend handeln. Zudem macht mir die Schweizer Politik Sorgen. Die zögerliche Haltung in Bezug auf die FDA-Zulassungen in der Schweiz und die sehr fragwürdige – bisweilen überhebliche – Haltung von Swissmedic diesbezüglich sollte allen Akteuren zu denken geben.»

Daniel Geiger und Roger Stadler. (v.l.)
Artikel öffnen

Weitere Artikel

Der Berg ausgedruckter Bauvorschriften ist heute geschätzt 4,2 Meter hoch.

Wie Vorschriften den Wohnungsbau abklemmen

* Die Bauvorschriften sind aus dem Ruder gelaufen. * Technokratische Baubeamte haben die Macht übernommen. * Doch jetzt formiert sich Widerstand.

https://www.bilanz.ch/unternehmen/wohnungsnot-uberbordende-baunormen-erdruecken-den-wohnungsbau/g7ek4zc?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=lunch-topics&utm_content=2026-07-06