* Matthias Geissbühler, Chief Investment Officer von Raiffeisen Schweiz, analysiert im Interview mit «Business Class Ost» den Anlagemarkt Ostschweiz. * Kurzfristig sieht Geissbühler wegen der Industrie-Abhängigkeit der Ostschweiz Schwierigkeiten. * Für 2026 hingegen sieht er ausgezeichnete Chancen für Ostschweizer Aktien und Immobilien.

Als Anlage-Chef sehen Sie das grosse Ganze. Welche Aspekte fallen Ihnen in Bezug auf die Ostschweiz auf?
Matthias Geissbühler: Es gibt keine spezifische Anlagestrategie für eine Region in der Schweiz und auch fast keine Anlageprodukte, wenn man von Einzelaktien oder kantonalen Obligationen absieht. Relevant ist die ostschweizerische Besonderheit einer sehr starken Ausrichtung auf den Industriesektor mit einem hohen Exportanteil.
Und da sieht es gerade nicht so rosig aus.
Ja, unser Augenmerk liegt auf dividendenstarken Titeln der Telekommunikations- und Versicherungsbranche sowie auf Nahrungsmittel- und Gesundheitsaktien, und hier hat die Ostschweiz keine gewichtigen Player. Die grossen Unternehmen in der Ostschweiz sind am Aktienmarkt nicht durchgehend erfolgreich.
Folglich sollte man die Finger von kotierten Ostschweizer Unternehmen lassen?
Das Gegenteil ist der Fall. Derzeit haben sie eine grössere Durststrecke, vor allem wegen der unberechenbaren Zollpolitik der USA, den allgemeinen geopolitischen Unsicherheiten und der schwächelnden Konjunktur in der EU, gerade auch in Deutschland. Aber die Unternehmen in der Ostschweiz haben in den vielen Jahren gelernt, mit Schwierigkeiten umzugehen und sich fit zu halten. Das kommt ihnen nun zugute.
Wie meinen Sie das?
Momentan sind diese Industriewerte in der Defensive, ja. Aber wenn – und davon gehe ich aus – wir im Herbst Klarheit haben über die Zolltarife mit den USA, wird die Situation endlich wieder berechenbar, und die Unternehmen können eine Strategie entwickeln, sich einrichten. Ausserdem hat beispielsweise Deutschland die Schuldenbremse gelockert und investiert jetzt massiv in die Infrastruktur des Landes und in die Verteidigung. Ich sehe hier einen Silberstreif am Horizont – das sind positive Signale für die Ostschweizer Unternehmen und ihre Börsenwerte. Damit bilden sich dann auch sehr gute Chancen für die Ostschweizer Zulieferer. Für 2026 bin ich für die Ostschweiz sehr zuversichtlich.
Also sollte man im Herbst Aktien von VAT, Stadler Rail, Huber+Suhner, Aebi Schmidt Group, SFS, Bühler, Arbonia, Gurit und anderen ins Portfolio legen?
Wann auch immer die Zölle klar geregelt sind, dann wäre das eine Option.
Und wenn wir ganz langfristig denken, an den Wiederaufbau der Ukraine, eines Tages hoffentlich?
Das wäre sicher ein Kauf-Signal. Die Gelder sind bereits zugesagt in zigfacher Milliardenhöhe, die Investitionen wären massiv. Wir brauchen einfach zunächst einen stabilen Frieden.
Stichwort Immobilienfonds: Wie steht es hier in der Ostschweiz?
Auch hier gibt es keine nur auf die Ostschweiz fokussierte Fonds. Aber es ist klar: Die Ostschweizer Immobilienbranche steht im nationalen Vergleich gut da. Und es könnte eine Art Selbstverstärkung geben: Werden die Produkte der Ostschweizer Industrie stärker nachgefragt, werden hier auch mehr Arbeitsplätze angeboten, und das wiederum beflügelt den Wohnungsmarkt. Was dann wieder Arbeitsplätze schafft und die Region attraktiver macht. Nochmal: Für die Ostschweiz mache ich mir fürs nächste Jahr wenig Sorgen.
Die Person
Matthias Geissbühler ist seit Januar 2019 als Chief Investment Officer (CIO) von Raiffeisen Schweiz für deren Anlagepolitik verantwortlich. Nach seinem BWL-Studium an der HSG folgten Tätigkeiten bei verschiedenen Banken im Bereich Aktienresearch, Portfolio- und Fondsmanagement. 2010 übernahm er die Leitung der Anlagestrategie bei der Bank La Roche in Basel und leitete diesen Bereich auch nach dem Zusammenschluss mit der Bank Notenstein. Zusammen mit seinem Team analysiert er kontinuierlich die weltweiten Geschehnisse an den Finanzmärkten, entwickelt die Anlagestrategie der Bank und gibt Anlageempfehlungen. Geissbühler hält einen Abschluss als lic. oec. HSG sowie die Titel Chartered Financial Analyst (CFA) und Chartered Market Technician (CMT).

* Die Arbonia erzielte im Geschäftsjahr 2025 trotz anspruchsvollem Marktumfeld ein Umsatzwachstum von gut 12 Prozent. * Damit stieg der operative Gewinn um 41 Prozent auf über 56 Millionen Franken gegenüber dem Vorjahr. Organisch beläuft sich das Umsatzwachstum auf 3,7 Prozent. * Die Arbonia schlägt der GV Christoph Ganz als Nachfolger von Alexander von Witzleben für das Präsidium vor.

* Die VAT Vakuumventile AG in Haag beschleunigte im Geschäftsjahr 2025 das organische Wachstum bei Auftragseingang und Umsatz. * Gleichzeitig erreichte das Unternehmen einen rekordhohen freien Cash-flow. * Geplant ist eine Erhöhung der Dividende um 12 Prozent.

* Im Februar wurden 1592 Konkurse eröffnet. * 2026 werde es so viele Konkurse geben wie noch nie zuvor, berichtet die Creditreform mit Hauptsitz in St.Gallen. * Berücksichtigte man, dass die Gläubiger bei rund 98 Prozent der Konkursverfahren fast leer ausgingen, lasse sich erkennen, dass die Bonitätsprüfung die einzige Möglichkeit sei, sich erfolgreich vor Forderungsausfällen zu schützen.