St.Galler Regierungsrat gegen Polizeikommandantin Barbara Reifler: Versagen von Führung und Kommunikation

* Die beiden Affären um Patrick Fischer und Barbara Reifler, die beide von ihrer Arbeit getrennt wurden, verfolgen eine gemeinsame Logik. * Es geht um schwache Führung und falsche eingesetzte Kommunikation. * In seiner Analyse beleuchtet Roger Huber, Krisenkommunikator und Vorstandsmitglied des Verbands Krisenkommunikation, die Fehler, deren Ursachen und Folgen.

Roger Huber
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Veröffentlicht am

30.4.2026

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KOMMENTAR

Krisenkommunikation Fischer-Reifler Gastkommentar Roger Huber
Krisenkommunikator Roger Huber.

Auf den ersten Blick könnten die beiden Fälle – der entlassene Eishockey-Trainer Patrick Fischer und die St.Galler Polizeikommandantin Barbara Reifler, die überraschend den Hut nahm – unterschiedlicher kaum sein: hier ein persönlicher Fehltritt im Spitzensport, dort ein institutioneller Führungskonflikt im sicherheitspolitischen Zentrum eines Kantons. Und doch folgen beide derselben Logik.

In beiden Fällen fehlte vor der ersten öffentlichen Kommunikation eine klare, abgestimmte Führungsposition. Stattdessen entstanden widersprüchliche Erstbotschaften: im Fall Fischer zwischen Verband und Swiss Olympic, im Fall Reifler/Hartmann zwischen politischer und operativer Führung – verstärkt durch gezielte mediale Platzierungen. Der entscheidende Fehler liegt identisch: Kommunikation wurde nicht als Instrument von Führung eingesetzt, sondern ersetzte sie. Wo Führung fehlt, entsteht ein Vakuum – und dieses wird sofort durch Narrative, Medien und externe Akteure gefüllt.

Beide Fälle zeigen zudem, wie schnell sich interne Spannungen in öffentliche Krisen verwandeln, wenn keine gemeinsame Linie existiert. Und beide illustrieren, dass der eigentliche Reputationsschaden nicht durch den Auslöser entsteht, sondern durch den Umgang danach. Kurz gesagt: Nicht das Ereignis macht die Krise, sondern die fehlende Führung davor.

Die Lage
Es geht hier weniger um einen Streit zwischen einzelnen Personen. Es ist vielmehr ein Konflikt über die Führung, die Kontrolle und die Kommunikation im wichtigsten Bereich der St.Galler Sicherheitspolitik. Barbara Reifler wurde im September 2024 zur neuen Chefin der Kantonspolizei St.Gallen gewählt. Sie hat den Job am 1. Dezember 2024 angefangen. Sie hatte viel Unterstützung von der Politik. Aber schon am 16. März 2026 hat sie gesagt, dass sie Ende Juni 2026 aufhören werde. Der Kanton hat bestätigt, dass eine externe Führungsanalyse gemacht worden sei. Der Bericht «Polizeiliche Sicherheit im Kanton St.Gallen» verschiebt sich von Mitte 2025 auf die Sommersession 2026. Das ist schlecht für die Kommunikation.

Barbara Reifler

Eine neue Polizeikommandantin scheitert. Das Sicherheits- und Justizdepartement des Kantons St.Gallen wird wegen eines umfangreichen Berichts kritisiert. Der Konflikt wird zum Dauerthema in den Medien. Nach Reiflers Rücktritt hat der Kantonsrat St.Gallen den Bericht zum Thema gemacht. Die Parteien sind verärgert und besorgt. Das Ostschweizer Fernsehen hat Ende Februar 2026 berichtet, dass es zwischen der Polizei und dem Departement Probleme gebe.

Christof Hartmann

Die Krise kam von drei neuen Leuten, die gleichzeitig in einem System eingesetzt wurden. Regierungsrat Christof Hartmann hat im Juni 2024 die Leitung des Sicherheits- und Justizdepartements des Kantons St.Gallen übernommen, Claude Eugster wurde im November 2024 zum dortigen Generalsekretär gewählt, und Barbara Reifler hat im Dezember 2024 das Kommando übernommen. Der Kanton hat eine neue Führung. Wenn man zurückblickt, verstärkt diese Kommunikationsfolie den späteren Konflikt.

Claude Eugster

Der Konflikt betraf einen sehr wichtigen Punkt für die zukünftige Sicherheit. Im Bericht «Polizeiliche Sicherheit» geht es um die Planung der Arbeit der Polizei, um die Weiterentwicklung der Organisation und der Mitarbeitenden und sogar um die Berechnung von mehr Stellen für Polizisten. Dieser Bericht bestimmt, wer die Macht hat. Und wer die Macht hat, bestimmt auch, was passiert und was nicht.

Beide Seiten kommunizierten am Anfang ohne Unterstützung. Der Kanton sprach von geordneter Übergabe, Einsatzfähigkeit und Analyseprozess. Reifler gab keine Interviews. Sie liess schriftlich erklären, dass es aus ihrer Sicht «zentrale Rahmenbedingungen» für eine gute Amtsausübung gebe. Die Medien und die Politik füllten dieses Vakuum automatisch. Das interne Schreiben, in dem wegen weiterer Leaks mit Strafverfolgung wegen Amtsgeheimnisverletzung gedroht wurde, hat die offene Kommunikationskrise verschärft.

Probleme bei der Polizei
Es ist unklar, wer was zu tun hat und wer die Entscheidungen trifft. Es wurde ein strategischer Bericht zur Hauptkampfzone geschrieben. Das zeigt, dass es um Kompetenzen, Hierarchie und Einfluss geht. Wenn ein Sicherheitsbericht zu einem Führungskonflikt wird, ist Kommunikation Teil des Problems.

Es gibt öffentliche Fakten, die zeigen, dass es einen Kulturkonflikt gab. Barbara Reifler hat Erfahrung mit der Polizei, kennt sich mit Gesetzen aus und hat den Auftrag des Kantons, die Organisation weiterzuentwickeln. Sie ist die erste Frau, die die St.Galler Kantonspolizei leitet. Forschung und Fachanalysen aus dem Polizeibereich zeigen: Ein Wandel der Kultur in der Polizei gelingt nur, wenn die Führungspersonen ihn dauerhaft unterstützen, wenn die Führung stabil bleibt und wenn Frauen wirklich an die Spitze kommen – und nicht nur symbolisch. Nur das Geschlecht ist nicht der Grund für den Konflikt. In einer Organisation, in der es viel Hierarchie, Loyalität untereinander und männliche Rollenbilder gibt, führt ein solcher Wechsel zu viel Streit, wenn politische Unterstützung und interne Allianzen gleichzeitig schwach sind.

Es ist auch bekannt, dass der Bericht in einer Zeit geschrieben wurde, in der es viele Veränderungen bei der Leitung des Departements, des Generalsekretariats und des Polizeikommandos gab. Deshalb wurde auch die Strategie der Kapo neu festgelegt. Dieser Verwaltungssatz beschreibt einen unschönen Umstand: Das Projekt verlor Zeit und wahrscheinlich auch klare Verantwortlichkeiten, während es personell umgebaut wurde. In grossen Organisationen gibt es dort die meisten Machtkämpfe.

Die Fahnenübergabe bei der Amtseinsetzung von Barbara Reifler.

Defensives System
Es wurde nicht richtig kommuniziert. Statt den Konflikt früh zu befrieden, reagierte das System defensiv. Das Institute for Public Relations hat herausgefunden, dass Vertrauen in die Leitung und Organisation wichtig ist. Ausserdem zeigt es, dass Streit unter Mitarbeitenden oft an die Öffentlichkeit gelangt. Die Drohung mit Strafverfolgung mag nachvollziehbar sein, aber sie behandelt nur das Symptom «Leak», nicht die Ursache «Misstrauen». Es ist, als würde man den Deckel eines kochenden Topfes fester hinunterdrücken. Manchmal funktioniert das. Nein, nie.

Der Eklat eskalierte in mehreren Stufen. Ende Februar berichteten Medien und TVO über Streit zwischen Departement und Polizeiführung. Reifler hat Mitte März ihren Rücktritt per Ende Juni 2026 bekanntgegeben. Eine externe Führungsanalyse wurde ebenfalls gemacht. Danach waren Politik und Berufsverbände überrascht und schockiert. Das Schreiben des Generalsekretärs, das Anfang April bekannt wurde, zeigte: Im Departement sind die Nerven trotz ihres Rücktritts noch immer angespannt. Wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter geht, aber die Krise danach noch da ist, weiss man meistens nicht, woher sie kommt.

Jede Nachricht führte zu weiteren Nachrichten. Die Demission machte den Konflikt nicht besser, sondern schlimmer. Die Analyse der Führung hat den Verdacht verstärkt, dass es ein ernstes strukturelles Problem gibt. Die Drohung sollte Disziplin herstellen, aber nach aussen sah es eher nach Alarmstufe Rot aus. Eine Unstimmigkeit in der Verwaltung führt nicht zu einem einzelnen Reputationsereignis, sondern zu einer Reihe kleinerer Vorfälle.

Es ist sinnvoll, bei der Frage nach «Campaigning» nüchtern zu bleiben. Die veröffentlichten Quellen zeigen, dass es wiederholt Leaks aus der Polizei und dem Departement gab. Diese Leaks waren auch für die Medien bestimmt. Sie belegen beide Seiten: Reifler sagt, es fehlten die Rahmenbedingungen, Hartmann sagt, es gebe eine externe Analyse, und die Einsatzfähigkeit sei gewährleistet. Es ist ein öffentlicher Streit, der wie ein Lager aussieht. Es ist nicht bewiesen, wer die Unwahrheiten verbreitet hat oder ob es von beiden Seiten eine geplante Kampagne war. Der Unterschied ist nur klein, wenn man darüber spricht. Die Wirkung war schon wie ein Stellvertreterkrieg über die Medien.

Für beide Seiten sind es Reputationsprobleme. Für Hartmann und das Departement ist der Reputationsschaden derzeit grösser als für die Einzelperson Reifler. Die Gründe sind einfach:

  • Die politische Verantwortung kann man nicht weitergeben.
  • Ein wichtiger Bericht kam viel später als geplant.
  • Parteien zweifelten öffentlich die Führung an.

Die Reaktion auf Geheimnisse wirkte eher nervös als souverän. Ein «erfolgreich etabliertes» Führungsteam stellt sich offiziell als erfolgreich dar. Tatsächlich gibt es aber nur wenige Wochen später eine Eskalation. Solche Widersprüche zerstören Glaubwürdigkeit.

Die Reputation von Reifler ist nicht eindeutig. Ihr Rücktritt wurde schriftlich erklärt. Dabei ging es um Prinzipien und nicht um persönliches Scheitern. Das kann Respekt erzeugen. Eine Amtszeit von 15 Monaten ist für eine Polizeikommandantin sehr kurz. Sie war Reformerin, Hoffnungsträgerin und die erste Frau an der Spitze. Wenn sie dann früher geht, heisst es schnell, dass sie gescheitert sei. Dabei sind die Gründe strukturell. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Frauen in der Polizei das Vertrauen der Mitarbeitenden stärken, für Fairness sorgen und die Kommunikation verbessern können. Das hängt aber davon ab, ob es Unterstützung von offizieller Seite gibt. Wenn sie fehlt, wird die Geschichte schnell zu einem Einzelfall.

Die Institution selbst könnte am Ende verlieren. Die St.Galler Polizei hat schon jetzt zu wenige Mitarbeitende und noch mehr Aufgaben. Schon 2024 war von zu wenig Personal die Rede. Wenn es an der Spitze immer wieder zu Konflikten, Rücktritten und Interna kommt, hat das einen negativen Einfluss auf das Ansehen der Führung, die Arbeitgebermarke und den Eindruck, dass die Politik ihre Aufgaben erfülle. Das ist für eine Sicherheitsorganisation besonders schwierig. Sie ist legitim, wenn sie Autorität, Verlässlichkeit und innere Ordnung hat.

Mögliche Probleme und was wir daraus lernen
Die Probleme sind klar: Erstens muss der Wechsel der Führung schneller, sauberer und glaubwürdiger organisiert werden als der vorherige. Zweitens muss der Bericht «Polizeiliche Sicherheit» wieder ein Instrument der Strategie werden. Es muss auch geklärt werden, wie die Polizei gesteuert wird und wie die Führung der Polizei aussieht. Solange diese drei Punkte offen sind, bleibt auch die Krise offen.

Für Kommunikationsverantwortliche ist es wichtig zu wissen: In Organisationen, in denen es um die Führung geht, gewinnt nicht das Lager mit dem geschickteren Leak, sondern jenes mit der glaubwürdigeren internen Kommunikation. Untersuchungen zum Thema Krisenkommunikation und zur Führung der Polizei zeigen: Vertrauen entsteht, wenn die Führung konsistent ist, wenn Verantwortung klar sichtbar ist, wenn ein Prozess und die Rolle darin früh erklärt werden und wenn man die interne Stimme ernst nimmt, statt Druck auf Andersdenkende auszuüben. Wer den Konflikt nur rechtlich löst, aber nicht kulturell und im Gespräch, sorgt für die nächste Indiskretion.

Lehrstück über schlechte Führung
Der Fall Reifler gegen Hartmann ist kein normaler Abgang. Er zeigt, dass die Führung schlecht war. Eine neue Chefin, ein neuer Rat, ein neuer Chef und ein wichtiger Bericht trafen in einer Organisation, die schon Probleme hatte, aufeinander. Statt die Geschichte des Aufbruchs zu erzählen, haben der Kanton und die Polizei dafür gesorgt, dass niemand mehr darüber spricht. Stattdessen gibt es nur noch Gerüchte, und jede Seite stellt die andere in ein schlechtes Licht. Der eigentliche Skandal liegt also weniger in einzelnen Geheimnissen als in der Tatsache, dass die Kommunikation selbst zum Schauplatz des Machtkampfs geworden ist. Für Krisenkommunikatoren ist das der wichtigste Punkt: Wenn die Strategie, die Führung und die Medienlogik nicht mehr zusammenpassen, wird aus einem internen Konflikt schnell ein Verlust an Autorität in der Öffentlichkeit.

Über den Autor
Roger Huber, St.Gallen, ist Journalist und selbstständiger Krisenkommunikator bei Huber Media Consulting. Ausserdem ist er Gründungspräsident und Vorstandsmitglied des Schweizer Verbands für Krisenkommunikation (VKK) in Zürich.
huber-media.ch
Schweizer Verband für Krisenkommunikation
Die Kantonale Notrufzentrale, untergebracht im «Calatrava-Gebäude» zwischen Klosterhof und Moosbruggstrasse in St.Gallen.
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