Wil West – ein rechtlich heikles Projekt voller Widersprüche

* Bevor mit «Wil West» neues Bauland eingezont wird und für über 160 Millionen Franken Erschliessungsstrassen gebaut werden, die wiederum zusätzlich Kulturland beanspruchen, müssen die bestehenden und erschlossenen Bauzonen genutzt werden. * Fruchtbares Ackerland muss gemäss Raumplanungsgesetz für unsere Ernährung genutzt werden. * Nach Prüfung aller Dokumente und Argumente wird hier dargelegt, weshalb es nur eine richtige Entscheidung gibt: Wil West Nein!

Josef Gemperle
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Veröffentlicht am

4.2.2026

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KOMMENTAR

Gastkommentar Josef Gemperle Wil West
Josef Gemperle.

Die Region Wil/Hinterthurgau steht nicht still, wie es die Befürworter des Projekts «Wil West» behaupten, im Gegenteil: sie boomt. Die Bautätigkeit ist so stark wie kaum je zuvor, verbunden mit explodierenden Bodenpreisen und den damit verbundenen negativen Begleiterscheinungen. Hier die gewichtigsten:

Die Region Wil hat im Verhältnis zur Wohnbevölkerung ein vergleichsweise sehr grosses Arbeitsplatzangebot mit allen entsprechenden Begleiterscheinungen, sprich Fachkräftemangel, Pendleraufkommen, und vieles mehr. Die Verkehrsprobleme sind durchwegs hausgemacht und werden mit dem Jahrhundertprojekt nicht gelöst, sondern verschärft. Wil West ist für das bestehende Gewerbe eine Zumutung, weil es Dienstleistungsbetriebe und öffentliche Anstalten, öffentliche Firmen und Verwaltungen bevorzugt behandelt, unter Ausschluss der Öffentlichkeit wettbewerbsverzerrende Steuerbegünstigungen für Neuansiedlungen ermöglicht und eine demokratische Mitwirkung praktisch verunmöglicht. Hier hat im Wesentlichen ein kleines Team aus der Verwaltung das Sagen, nach dem Weiterverkauf der Parzellen «an Privat» gelten in der Regel die knallharten, der Gewinnmaximierung unterworfenen Regeln des Finanz- und Immobiliensektors.

Wohl kaum jemand verfolgt das Projekt Wil West so lange und in dieser Tiefe wie ich. Als Kantonsrat in der sechsten Legislatur und als langjähriges Mitglied der Thurgauer Raumplanungskommission begleite ich dieses Projekt auch in der Tiefe mit dem Studium von Dutzenden Papieren seit Beginn. Ich habe viele Vorschläge gemacht und immer wieder gehofft, es könnte doch noch etwas entstehen, was einigermassen verträglich wäre für die betroffene Bevölkerung, für die bereits bestehenden Gewerbe- und Industriebetriebe und für Landschaft und Landwirtschaft.

Am Schwanz aufgezäumt
Dieses Projekt wurde am Schwanz aufgezäumt, in geradezu naiver Art wurde versucht, vom Bund zwischen zwei sehr nahegelegenen Autobahnausfahrten die Zusage für eine dritte Ausfahrt dazwischen zu erhalten. Statt das Verkehrsthema mit einer gesamtverkehrlichen Strategie regional über alle Verkehrsmittel anzugehen, hielt man bis heute eisern an der unmöglichen Forderung fest. Im Gegenteil, mit der Aufgabe des Klinikgutsbetriebes in Wil gerieten plötzlich deren Äcker im Westen von Wil auf Thurgauer Boden ins Visier der bodenhungrigen Planerinnen und Planer und von einer dritten Ausfahrt besessenen Entwicklerinnen und Entwickler. Das Projekt «Neuland» (wortwörtlich) war geboren und wurde entwickelt. Schon bald wurde aber auch die ganze Kommunikation mit schweizweit führenden und auch entsprechend teuren Kommunikationsunternehmen hochgefahren und bis heute viele Jahre danach hochgehalten. Statt einen Wettbewerb um die besten Planungen in der ganzen, etwas grösseren Region St. Gallen und Thurgau zu ermöglichen, war nun dieses Filetstück Ziel und Zentrum der Entwickler.

Hier ein Zitat aus dem von beiden Regierungen und allen 22 Gemeinden genehmigten Masterplan: «Das Areal des ehemaligen Gutsbetriebs der psychiatrischen Klinik soll in ein ‹neuzeitliches Tafelsilber› verwandelt werden, welches zeitnah hervorgenommen werden kann, wenn sie ihre grosse Chance kommen sieht. Es ist ein bedeutendes Generationenprojekt für die Regio Wil, um sich als starkes Wirtschaftsgebiet zu etablieren.» Und weiter: «Die Ausgangslage für die angestrebte hochwertige Entwicklung ist günstig, jedoch sind die methodischen und fachlichen Anforderungen besonders anspruchsvoll. Im Laufe des Jahres 2012 wurde eine erste Idee für die Entwicklung von Wil West entworfen. Sie heisst Neuland und betritt in vielen Punkten wortwörtlich Neuland. Es ist das erste Mal, dass der Kanton St.Gallen (als grösster Grundeigentümer im Entwicklungsschwerpunkt Wil) gemeinsam mit dem Kanton Thurgau ein Projekt in dieser Grössenordnung angeht. Das eigentliche Entwicklungsgebiet umfasst ca. 20 ha weitestgehend unbebaute Flächen, wobei mit den Arealen in Gloten und Wil die gesamte Standortentwicklung rund 95 ha umfasst.»

Raumplanerische Einordnung
«Wil West» ist nicht nachhaltig. Warum? In Wil und in der Region Wil herrscht im Vergleich zur Wohnbevölkerung ein erheblicher Überhang an Arbeitsplätzen. Im Vergleich zu den Arbeitsplätzen wurde zu wenig Wohnraum geschaffen. Denn um möglichst wenig Mobilität zu erzeugen, wäre ein Verhältnis von 2,1:1 für das Verhältnis Einwohnende zu Arbeitsplätzen anzustreben.

«Nachhaltig wäre, zuerst die umfangreichen Baulandreserven für Gewerbe- und Industriebauten in den Kantonen St.Gallen und Thurgau zu nutzen.»

Die Folgen sind ein Mangel an Wohnungen, unerwünschte Pendlerströme und zur Hauptverkehrszeit volle Züge und Stau auf den Strassen. Nachhaltig wäre, zuerst die umfangreichen Baulandreserven für Gewerbe- und Industriebauten in den Kantonen St.Gallen und Thurgau zu nutzen.

Nachhaltig wäre, zuerst die baubereiten Grundstücke an bereits gut erschlossenen Lagen zu nutzen, bevor neues Land eingezont wird. Nachhaltig wäre die Schaffung von Arbeitsplätzen im Rahmen der Innenentwicklung an bereits gut erschlossenen Lagen. Ein nachhaltiges Entwicklungsprojekt würde sich neben den Arbeitsgebieten auch dem dazugehörigen Wohnraum widmen. Wohnungen für Wil West sind aber im Projekt Wil West kein Thema. Damit riskiert das Projekt, ein grosses, zusätzliches und damit unerwünschtes Pendleraufkommen in der ganzen Region Wil zu erzeugen. Die Stadt Wil plant die Schaffung von über 1000 Arbeitsplätzen im Zentrum. Das ist raumplanerisch sinnvoll und nachhaltig. Damit wird aber WILWEST grundsätzlich in Frage gestellt, was nicht zugelassen wird!

Das Grosse Ganze stimmt nicht
Wenn das grosse Ganze nicht stimmt, dann sollte man nicht am Detail herumschrauben. Wenn Ackerland grossflächig als Bauland eingezont wird (wie in Wil West vorgesehen), obwohl im Siedlungsgebiet noch viele Flächen unbebaut oder schlecht genutzt sind, wählt man einfach nur den Weg des geringsten Widerstands – was meines Erachtens klar gesetzeswidrig ist und vor Bundesgericht kaum jemals gutgeheissen würde, denn die Inanspruchnahme von Fruchtfolgeflächen, auch von Kontingenten von Fruchtfolgeflächen ist klar an die Auflage gebunden, zuerst die eingezonten Arbeitszonen zu bebauen. Dabei spielt es bei der Beurteilung keine Rolle, ob die eingezonten Gewerbe- und Arbeitszonen kurzfristig verfügbar sind oder nicht.

Die Thurgauer Bevölkerung durfte nicht mitbestimmen

Das Projekt Wil West vernichtet 23 ha Äcker und Wiesen (das entspricht 230’000 Quadratmetern), davon sind 18 ha geschützte Fruchtfolgeflächen («FFF»), was illegal ist, denn es gibt unbebaute Alternativen.

In den Kantonen Thurgau und St.Gallen stehen über 10 Millionen Quadratmeter rechtmässig eingezonte, nicht überbaute Flächen in Gewerbe-/Industriezonen zur Verfügung; auch Wil verfügt über mindestens fünf Standorte für solche Entwicklungsschwerpunkte. WilWest verursacht für die Steuerzahlenden Folgekosten von weit über 160 Millionen Franken, allein für Strassen, worin andere Infrastrukturen wie die Verlegung der Frauenfeld-Wil-Bahn und zwei neue Bahnhöfe nicht eingerechnet sind! Im Länzebüel soll fruchtbares Ackerland in privatem Besitz enteignet und mit schweren Baumaschinen zu Ökofläche umgebaut werden. Tausende Schwertransporte sind nötig, um Humus und Oberboden andernorts im Thurgau zu verteilen. Trotzdem vernichtet das Projekt 23 ha Ackerland für immer. Die St.Galler Bevölkerung muss zum zweiten Mal abstimmen, im Thurgau will die Politik dagegen das Volk nicht mitbestimmen lassen. In der Regio Wil investiert die Immobilienbranche bereits wie verrückt in der Hoffnung auf satte Gewinne. Die stark steigenden Preise machen Bauland für Einheimische unerschwinglich. Deshalb: Nein zur teuren Träumerei in Wil West.

Über den Autor
Josef Gemperle (65), verheiratet und Vater von vier Kindern, ist Meisterlandwirt und wohnt in Fischingen. Er ist seit 2004 Thurgauer Mitte-Kantonsrat und war bis 2024 Mitglied der Raumplanungskommission. Ausserdem ist er Präsident der Ständigen Kommission Klima, Energie, Umwelt KEU. Daneben ist er unter anderem Präsident des Vereins Geothermie Thurgau und sitzt im Verwaltungsrat des Elektrizitätswerks Thurgau.
www.josefgemperle.ch
Pro Tag wird in der Schweiz die Fläche von neun Fussballfeldern verbaut
Im Laufe der letzten 30 Jahre hat die Schweiz 114’200 Hektaren Landwirtschaftsfläche verloren. Das entspricht der doppelten Fläche des Genfersees. Zwischen 1985 und 2018 wurden pro Tag durchschnittlich 9 Fussballfelder verbaut. Innert 30 Jahren ist die Landwirtschaftsfläche also um 1142 Quadratkilometer, das heisst um 1,1 Quadratmeter pro Sekunde, zurückgegangen. Gleichzeitig nahmen die Siedlungs- und Infrastrukturflächen um 0,7 Quadratmeter pro Sekunde und die Waldfläche um 0,6 Quadratmeter zu.
Blick auf – noch – bestehende typische Thurgauer Äcker.
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